Die Marquise von O… – eine puristische Inszenierung

13.02.2019 – Kommt da noch jemand auf die Bühne? Wir hofften. Doch nach 10 Minuten wurde uns bewusst, dass das Stück „Die Marquise von O…“ im Wolfgang Borchert Theater eine One-(Wo-)Man-Show ist. Umso beeindruckender war die brillante schauspielerische Leistung von Rosana Cleve, die nicht nur Julietta von O… spielte, sondern auch für 70 Minuten in die Rollen der anderen Figuren schlüpfte, indem sie sie rezitierte. Auch die Inszenierung von Tanja Weidner war eine Meisterleistung der Interpretation und ließ den Zuschauern an manchen Stellen Deutungsspielraum, so wie es das Original verlangt. Mit Hilfe des schlicht in Weiß gehaltenen Bühnenbildes lag die Konzentration auf dem Wesentlichen: Die Verzweiflung der Marquise von O… in ihrer unrühmlichen, aber unschuldigen Situation. So ist der Ausgangspunkt der Geschichte die unwissentlich zustande gekommene Schwangerschaft der Marquise, da sie, in Schockstarre verfallen, im Krieg auf dem Landsitz des Vaters mutmaßlich von russischen Soldaten vergewaltigt worden ist. Als sie das Bewusstsein wiedererlangt, stellt sich Graf F… als ihr fürsorglicher Retter dar. Die schwangere Marquise weiß nun nicht, wie sie zu dem Kind gekommen ist. Ihre Familie, besonders ihr Vater, schenkt ihr keinen Glauben und bezeichnet sie als Schande. Verstoßen von ihrer Familie, beschließt sie jedoch, den Vater ihres ungeborenen Kindes per Zeitungsannonce ausfindig zu machen. Daraufhin meldet sich ihr Schutzengel Graf F…, der sie nun heiraten möchte, aber auch anscheinend ihr Vergewaltiger ist. Die Grundkurse von Frau Kentrup (Q1), Frau Theilmeier-Wahner (Q1) und Frau Lange (Q2) waren überrascht von der schnörkellosen Vorstellung und empfanden das Lesen der Lektüre im Vorhinein als sehr hilfreich, da die Originalsprache aus Kleists Werk entnommen wurde. Die gewonnenen ambivalenten Eindrücke und die Aktualität des Themas wurden sehr kontrovers diskutiert.
Foto: Rosana Cleve als Marquise von O. ©Wolfgang-Borchert-Theater