Ameland

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Das AMELAND-Projekt am KvG

Die erste Amelandfahrt fand im September 1980 statt, zunächst als „Schnupperfahrt“ mit nur einer Schulklasse. Die beiden verdienten Kollegen Franz Swietlik und Fritz Rickert – mittlerweile längs im verdienten Ruhestand – waren die Ameland-Pioniere, die in Kolumbus-Manier das westfriesische Eiland für’s KvG entdeckt und die nötigen Voraussetzungen überprüft hatten. Mit der Schulklasse vor Ort waren damals Franz Swietlik und Walter Düppers. Bereits im Folgejahr wurde Ameland von einer kompletten Jahrgangsstufe 8 heimgesucht. „Reif für die Insel“ heißt es seitdem für alle nachfolgenden Jahrgänge, wenn nach den Sommerferien im September die Amelandfahrt ansteht.

Es ist schon ein beachtlicher Tross, der da Jahr für Jahr auf den Weg geht, denn außer einer guten Hundertschaft von Schülern sind, Kocheltern eingeschlossen, noch mehr als 20 Begleiter dabei, die sich auf ihre Aufgabe trotz der hohen Belastung und Verantwortung freuen. Der Organisationsaufwand ist beträchtlich, von der Buchung der Quartiere, der Fähre, der Busse bis zu Kondensmilch, zur Heftzwecke oder zum Klebeband muss an alles gedacht sein. Umfangreiche Einkäufe müssen getätigt werden, die Finanzierung muss stimmen, das Programm muss auf die wechselnden Begleitpersonen und die Möglichkeiten vor Ort abgestimmt werden. Schon vor der Fahrt, erst recht aber auf der Insel wird eine Menge Zeit investiert. Zeit, die sich lohnt, so sagen immer wieder die Kollegen, die sich bereit finden, eine solche Fahrt durchzuführen.

Nicht ohne Grund hat sich hier eine langjährige Tradition entwickelt. Die ursprüngliche Konzeption als Schullandheimaufenthalt, vervollkommnet durch die Jahr für Jahr neu hinzutretenden Erfahrungen der begleitenden Kollegen, hat sich im Grundsatz bewährt. Die Palette der Unternehmungen und Erfahrungen ist schillernd und vielseitig. Sie reicht von der Jahrgangsstufenfete bis zum Schachspiel, von der Fahrradrallye mit über hundert Beteiligten bis zum Gespräch in der Kleingruppe, von der gewöhnlichen Mathematikstunde bis zur Nachtwanderung zum Leuchtturm.

Vielfältig sind die Reize, denen die Achtklässler 12 Tage lang in komprimierter Form ausgesetzt sind. Allein schon das ganztägige Zusammensein von Lehrern und Schülern ist ungewohnt. Hier ist der Lehrer nicht jemand, der morgens das Klassenzimmer betritt, die Aktentasche aufs Pult stellt und sein Wissen ausbreitet. Die Lehrerin ist nicht nur die nette aber irgendwie auch unnahbare Person, die die Hausaufgaben kontrolliert und gute oder auch schlechte Noten verteilt. Hier ist der Mitschüler nicht nur jemand, der einen bei der Klassenarbeit mal abschreiben lässt oder in der großen Pause beim Tischtennis mitmacht. Und die Mitschülerin, die einen sonst nur vormittags mit ihrem albernen Gequatsche stört, ist nachmittags auch noch da.

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Ameland ist mehr. Es ist mehr als nur eine simple Klassenfahrt. Es ist mehr als eine Freizeitunternehmung oder eine Urlaubsreise. Es ist aber auch mehr als die Verlagerung von Schule an einen anderen Standort. Und es ist mehr als nur ein sozialintegratives Wochenendseminar.

Die Möglichkeiten, die die Fahrt bietet, scheinen schier unerschöpflich, sowohl im unterrichtlichen als auch im freizeitorientierten Bereich. Unterricht ist hier völlig losgelöst von Lehrplänen und schulorganisatorischen Zwängen möglich, nicht das Klingelzeichen hat das Regiment, vielmehr diktieren Eigeninitiative und Ideenreichtum den Tagesablauf. Die Insel selbst bietet schon hinreichend Stoff für den täglichen Unterricht. Ihre naturräumlichen Eigenheiten, die spezifischen Lebensbedingungen für die Tiere und Pflanzen, aber auch die kulturräumlichen Aspekte können im Fachunterricht oder auch in fächerübergreifenden Projekten thematisiert werden. Die Insel selbst (vom Wattenmeer bis zur Dünenlandschaft) oder ihre Institutionen (Heimatmuseum, Naturkundemuseum) können zum Klassenzimmer werden. Auf einer Robbenfahrt oder während einer Wattwanderung ist die Auseinandersetzung mit Unterrichtsgegenständen möglich, für die an der Schule die Voraussetzungen nicht in dieser günstigen Weise gegeben sind.

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Unterricht…

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und Freizeit.

Fast fließend ist der Übergang von dem, was man als Unterricht verstehen kann, zu den Freizeitangeboten. Kennzeichnend ist die differenzierte Angebotsstruktur, die den individuellen Neigungen der Schüler ideal entgegenkommt. Hier ist die Verwirklichung von musischen oder künstlerischen Vorhaben in Muße möglich. Basteln und sportliche Betätigung bilden weitere Schwerpunkte im Freizeitbereich. Als Beispiele seien immer wiederkehrende „Renner“ unter den Projekten genannt, wie Fotoprojekte, Stoffmalerei, Drachenbau, Arbeiten mit Gips, Ameland-Zeitung, Strand-Olympiade, Naturkosmetik, Theaterspiel und viele mehr.

Natürlich darf auch der nötige Freiraum und das Vergnügen nicht zu kurz kommen. Bei allem respektablen Einsatz seitens der Lehrperson sehen die jugendlichen Schüler selbige verständlicherweise gerne auch einmal von hinten. So ranken sich um die organisierten Angebote herum naturgemäß auch Freiräume, die von den Schülern sehr unterschiedlich genutzt werden, sei es zu Spiel und Sport, zu einem Gang in die „City“ von Hollum oder einfach auch zum Lesen oder gemeinsamen Singen. Hohen Stellenwert haben hier die gelegentlichen Disco-Feten, deren Ende die Schüler mit viel Überredungskunst möglichst weit hinauszuschieben versuchen. Dunkel und laut müssen sie sein, das macht frei.

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Das große Gefühl von Freiheit

Nicht zuletzt das Gefühl von Freiheit macht den Inselaufenthalt für die Schüler zu einem besonderem Erlebnis. In gemeinsam gestalteter Freizeit unter den hier gegebenen Rahmenbedingungen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens machen die Schüler neue soziale Erfahrungen. Die Notwendigkeit für gegenseitige Rücksichtnahme und Akzeptanz der unterschiedlichen Interessen fördert das Sozialverhalten der Schüler, erzeugt aber auch Konflikte, deren Bewältigung nicht immer leicht ist. Gespräche werden notwendig, Diskussionen werden geführt, sowohl unter den Schülern, als auch zwischen Lehrern und Schülern. Solche Prozesse benötigen Zeit, sie laufen nicht in wenigen Tagen ab. Die Erfahrung zeigt, dass die vorgesehenen 12 Tage in der Regel reichen, die anfänglich reizüberflutete Gesamtsituation in eine stabile und ausgeglichene Form gemeinsamen Zusammenlebens einmünden zu lassen.

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Wenn so manche Eltern nach Ablauf der Fahrt den Eindruck gewinnen, ein anderes, neues Kind zurück erhalten zu haben, so ist das sicherlich kein negatives Indiz für den Erfolg von „Ameland“. Ein Schritt in der Entwicklung des jugendlichen Menschen, den die Eltern selbst nicht miterlebt haben, schlägt sich hier nieder und verlangt verständnisvolle Aufnahme zu Hause. Fatal wäre es wohl, man würde die zwischenzeitliche Abwesenheit des Kindes lediglich am rückläufigen Wasserverbrauch festmachen können. Schule ergreift hier in aktiver Weise die Möglichkeit zur pädagogisch sinnvollen Erziehung, die weit über einen bloßen Bildungsauftrag hinausragt. Das KvG nutzt diese Möglichkeit mit dem Amelandprojekt hoffentlich noch lange.

Heinz Braunsmann